Kompetenz und Effizienz im Aufsichtsrat, von Herrn Dr. von Preen, Kienbaum Consultants International GmbH

Aufsichtsräte müssen einen immer größeren Teil ihrer knappen zeitlichen Ressourcen für die Behandlung rechtlich geprägter Fragestellung, mit dem Fokus auf die Überwachung und Kontrolle des Vorstands, aufwenden. Beratende Aspekte der Aufsichtsratstätigkeit, wie beispielsweise zu den Themen der strategischen Geschäftsentwicklung oder der digitalen Transformation, kommen damit häufig zu kurz.

Die Formalisierung und Verrechtlichung trifft allerdings nicht alle Aufsichtsräte in gleichem Maße. Grundsätzlich gilt, dass die regulatorischen Vorgaben gerade für börsennotierte Unternehmen immer umfassender werden, während Aufsichtsräte in nicht-börsennotierten Unternehmen von bindenden gesetzlichen Eingriffen weitestgehend verschont bleiben. Gespräche mit aktiven Aufsichtsräten deuten darauf hin, dass sich die Realität der Aufsichtsratstätigkeit in börsennotierten und nicht-börsennotierten Unternehmen somit häufig stark voneinander unterscheidet.

Die Veränderung der Aufgabenschwerpunkte, die gerade die Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen betrifft, dürfte auch Veränderungen in den Kompetenzanforderungen von Aufsichtsräten nach sich ziehen. Gerade jene Kompetenzen, die sich auf die Überwachungs- und Kontrollfunktion des Aufsichtsrats beziehen, dürften in börsennotierten Unternehmen deutlich stärker ausgeprägt sein als in nicht-börsennotierten Unternehmen.

Hinsichtlich der Tätigkeiten und Aufgabenschwerpunkte kann man feststellen, dass sich Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen im Vergleich zu den Aufsichtsräten nicht-börsennotierter Unternehmen im Rahmen von Berichten und zentralen Unternehmensrichtlinien deutlich häufiger und intensiver mit den Themen Risikomanagement, interne Kontrollsysteme und Compliance befassen müssen. Diese stärkere Einbindung spiegelt sich auch in einem unterschiedlichen Kompetenzenniveau bei Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen wieder. Im Rahmen der Aufgabenanalyse zeigt sich zudem, dass Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen bei personalbezogenen Aufgaben – konkret bei der Gestaltung der Vorstandsvergütung – deutlich stärker als Aufsichtsräte nicht-börsennotierter Unternehmen auf die Akzeptanz ihrer Entscheidungen bei Investoren, der Öffentlichkeit und anderen Stakeholdern achten. Investoren, Stimmrechtsberater und andere Kapitalmarktteilnehmer üben verstärkt Druck auf Aufsichtsräte aus und gehen aktiv auf diese zu, um sich Informationen im Rahmen personalbezogener Fragestellungen direkt vom Aufsichtsrat einzuholen. Denn schließlich hat der Aufsichtsrat bei diesen Themen alleinige Sach- und Entscheidungskompetenz und wird somit mehr und mehr zum entscheidenden Ansprechpartner für die genannten Interessensgruppen.

Vereinfacht lassen sich die gemachten Analysen so deuten, dass bei stark rechtlich geprägten Themen, wie Risikomanagement und Compliance oder auch bei finanzbezogenen Themen, wie die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage, gerade in börsennotierten Unternehmen fast immer ein hohes Kompetenz-Niveau im Aufsichtsrat vorhanden ist.

Weitreichende Kompetenzen können demnach ausschlaggebend sein, ob ein Aufsichtsrat – auf hohem Niveau – funktioniert und ob er einen wirklichen Unterschied bezogen auf seinen Beitrag zum langfristigen und nachhaltigen Unternehmenserfolg bewirken kann.

 

Unter diesem weiterführenden Link finden Sie mit freundlicher Genehmigung von „Board“, ein Magazin des Bundesanzeiger Verlags, zwei Artikel zum Thema. Die Autoren sind Dr. Alexander von Preen, Dr. Sebastian Pacher, Dr. Markus Gunnesch und Prof. Dr. Thomas Wrona:

https://www.bundesanzeiger-verlag.de/betrifft-unternehmen/unternehmensrecht/board.html